Wenn Kinder oder Jugendliche sich widerwillig auf den Schulweg machen, sich schweigend zurückziehen oder plötzlich über Bauch- und Kopfschmerzen klagen, steht bei Eltern oft die bange Vermutung im Raum: Wird mein Kind gemobbt? Mobbing zählt zu den belastendsten psychosozialen Stressfaktoren im Heranwachsen. Doch was genau unterscheidet alltägliche Streitigkeiten von verfestigtem Mobbing, und wo lassen sich wirksame Gegenmaßnahmen ansetzen?
Wann spricht man von Mobbing?
In der Fachliteratur von Spröber und Dresbach sowie Olweus wird betont: Mobbing ist kein einmaliger Konflikt zwischen Gleichaltrigen auf Augenhöhe. Eine alltägliche Meinungsverschiedenheit entsteht meist spontan und beidseitig. Mobbing hingegen ist durch vier zentrale Merkmale gekennzeichnet:
- Systematische Wiederholung: Die Anfeindungen, Schikanen oder Ausgrenzungen finden gezielt über einen längeren Zeitraum statt.
- Machtungleichgewicht: Zwischen den ausführenden Personen und der betroffenen Person besteht ein reales oder empfundenes Kräfteungleichgewicht.
- Schädigungsabsicht: Die Handlungen zielen bewusst darauf ab, das Gegenüber zu isolieren und herabzusetzen.
- Hilflosigkeit aus eigener Kraft: Betroffene schaffen es aufgrund der Dynamik nicht mehr, die Situation ohne Hilfe von außen zu beenden.
Sonderform Cybermobbing
Durch die Verbreitung von Smartphones und sozialen Medien verlagern sich Angriffe zunehmend in den digitalen Raum. Das Tückische daran: Es fehlen räumliche und zeitliche Rückzugsorte. Die Demütigungen reichen bis in das eigene Kinderzimmer hinein und erreichen oft ein großes Publikum in hoher Geschwindigkeit.
Welche Rollen entstehen im sozialen Gefüge bei Mobbing?
Aus der sozialpsychologischen Forschung von Salmivalli geht hervor, dass Mobbing selten eine reine Zweier-Beziehung darstellt. Es handelt sich um einen sozialen Gruppenprozess im Klassen- oder Peer-System, in dem unterschiedliche Rollen verteilt sind:
- Viktimisierte: Erfahren die Schikanen und entwickeln ohne Schutz oft Hilflosigkeit, Rückzug oder körperliche Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen.
- Akteure: Initiieren die Angriffe, häufig angetrieben von Streben nach Status, Gruppendruck oder eigener Unsicherheit.
- Assistenten und Verstärker: Greifen die Aktionen auf, lachen mit oder verbreiten Inhalte in Nachrichtengruppen.
- Außenstehende Beobachter: Greifen nicht ein, meist aus Angst, selbst zum Ziel zu werden. Dieses Schweigen wird von den Akteuren jedoch fälschlicherweise als Zustimmung gewertet.
- Verteidiger: Setzen Grenzen, zeigen Zivilcourage oder holen erwachsene Unterstützung.
Ein Gedanke für den Alltag
Ein einfaches Klärungsgespräch reicht bei Mobbing fast nie aus, weil immer die ganze Gruppe an der Dynamik beteiligt ist. Wer Mobbing wirksam stoppen möchte, muss verbindliche Regeln im Gruppenalltag festlegen und Betroffenen verlässlichen Rückhalt geben.
Warum tragen neurodivergente Kinder ein erhöhtes Risiko?
Aus der Beratungspraxis zeigt sich regelmäßig, dass neurodivergente Kinder und Jugendliche, beispielsweise mit ADHS oder im Autismus-Spektrum, ein erhöhtes Risiko aufweisen, in Peer-Systemen ausgegrenzt zu werden. Unbewusstes Abweichen von ungeschriebenen Gruppenregeln, Reizüberflutung oder Reizbarkeit werden von Gleichaltrigen mitunter fehlgedeutet.
Der Versuch, eigene Besonderheiten mühsam zu verbergen, sogenanntes Camouflaging, kostet Betroffene enorme Energie und kann zu tiefer Überforderung führen. Daher ist in der psychologischen Abklärung eine differenzierte Betrachtung von primären Verhaltensbesonderheiten und mobbingbedingten Belastungsreaktionen essenziell.
Welche ersten Schritte helfen betroffenen Familien?
- Zuhören ohne Schuldzuweisung: Signalisieren Sie Ihrem Kind uneingeschränkten Rückhalt. Vermeiden Sie Sätze wie „Wehr dich doch einfach mal“.
- Dokumentation anlegen: Halten Sie Vorfälle, Chat-Nachrichten, Daten und beteiligte Personen sachlich fest.
- Schule strukturiert einbinden: Suchen Sie das vertrauliche Gespräch mit Klassenlehrer:innen oder Schulsozialarbeiter:innen.
- Professionelle Begleitung nutzen: Eine psychologische Beratung unterstützt dabei, das Selbstwertgefühl des Kindes wieder aufzubauen.
Quellen und weiterführende Literatur
- Olweus, D. (2011): Gewalt in der Schule: Was Lehrer und Eltern wissen sollten und tun können. Huber.
- Salmivalli, C. (2010): Bullying and the peer group: A review. Aggression and Violent Behavior, Band 15, Ausgabe 2, Seiten 112 bis 120.
- Spröber, N., & Dresbach, E. (2022): Therapie-Tools Mobbing im Kindes- und Jugendalter. Beltz.