Die Personalfluktuation in intensivpädagogischen Wohngruppen der Kinder- und Jugendhilfe erreicht bundesweit hohe Ausmaße. In der Praxis wird das Phänomen häufig mit der Betreuung sogenannter Systemsprenger in Verbindung gebracht. Die Betrachtung zeigt jedoch: Das Narrativ vom schwierigen Jugendlichen als Hauptursache greift zu kurz und blendet wesentliche Zusammenhänge aus.

Was macht der Begriff „Systemsprenger“ mit der Haltung?

Wenn ein Hilfungsverlauf ins Stocken gerät oder ein Betreuungsteam an seine Grenzen stößt, fällt schnell das Wort Systemsprenger. Das Hinterfragen dieses Begriffs offenbart wichtige Aspekte:

  • Wer sprengt hier eigentlich was? Liegt die Ursache in der Persönlichkeit des jungen Menschen oder stößt das pädagogische Setting an seine strukturellen Grenzen?
  • Welches Signal sendet die Bezeichnung? Der Begriff personalisiert ein Versagen, das meist durch Schnittstellenprobleme zwischen Kinder- und Jugendpsychiatrie, Eingliederungshilfe und Jugendhilfe entsteht.
  • Was bewirken wiederholte Beziehungsbrüche? Jeder Einrichtungswechsel und jeder Personalwechsel im Team bestätigt dem Jugendlichen erneut die eigene Unsoziabilität.

Welche Funktion erfüllt das Verhalten?

In der Verhaltensanalyse geschieht kein Verhalten ohne Grund. Jede Verhaltensweise erfüllt eine konkrete Funktion für den Jugendlichen. Häufig dient sie der Steuerung von Nähe, Distanz, Überforderung oder Kontrolle.

Ein Beispiel aus dem Gruppenalltag: Ein Jugendlicher wird bei Überlastung laut, beschimpft Fachkräfte oder beschädigt Gegenstände. Bei der Verhaltensanalyse werden die vorausgehenden Auslöser sowie die nachfolgenden Konsequenzen betrachtet. Das Verhalten wirkt im ersten Moment als Selbstschutz zur unmittelbaren Druckentlastung. Weicht das Betreuungssystem in dieser Situation hilflos zurück oder bricht die Anforderung ab, lernt der Jugendliche, dass Lautstärke seine Handlungsfähigkeit wiederherstellt. Das Verhalten war für ihn kurzfristig erfolgreich.

Welche Funktion hat die Fluktuation?

Nicht nur das Verhalten des Jugendlichen besitzt eine Funktion, sondern auch die Reaktionen im Betreuungssystem. Fluktuation und Belastung im Team lassen sich systemisch betrachten:

  • Zynismus als Schutzfunktion: Distanzierung oder Zynismus im Alltag ist kein persönlicher Charakterfehler von Fachkräften. Es ist der Versuch des Systems, sich vor dauerhafter Überlastung zu schützen, wenn schützende Rahmenbedingungen fehlen.
  • Signalfunktion hoher Wechselquoten: Hohe Kündigungsraten belegen nicht mangelnde Belastbarkeit der Mitarbeitenden. Sie zeigen, dass Arbeitsbedingungen und Personalschlüssel die realen Anforderungen nicht mehr tragen.
  • Politische und trägerinterne Verantwortung: Starre Entgeltvereinbarungen und Ressourcenknappheit führen zu Belegungsdichten, die Beziehungsarbeit erschweren. Die Verantwortung für hohe Fluktuation liegt auf zwei Schultern: bei der Politik für verlässliche Rahmenbedingungen und bei den Trägern für schützende Entlastungsstrukturen.

Wie Supervision das Team schützt

Kontinuierliche externe Supervision setzt an diesen Dynamiken an. Sie bietet Betreuungsteams einen vertraulichen Rahmen, um festgefahrene Muster gemeinsam zu reflektieren und Handlungsspielräume zu erweitern:

  1. Auslöser und Funktionen verstehen: Teams lernen in der Fallsupervision, nach den Bedingungen und der Funktion von Verhalten zu fragen. Dadurch lassen sich Verhaltensanalysen nutzen, um Situationen vorausschauend zu gestalten.
  2. Handlungsmöglichkeiten entwickeln: Das systematische Betrachten von Auslösern, Reaktionen und Konsequenzen gibt Fachkräften Sicherheit und Handlungsfähigkeit zurück.
  3. Entlastung im Arbeitsalltag: Die Erkenntnis, dass grenzüberschreitendes Verhalten selten ein persönlicher Angriff ist, sondern ein funktionales Signal, schützt Fachkräfte vor Überlastung und stärkt die kollektive Teamresilienz.

Supervision hilft Betreuungsteams dabei, aus der reinen Belastungsspirale herauszutreten, eigene Handlungsspielräume zu nutzen und eine verlässliche Beziehungsgestaltung im Gruppenalltag zu verankern.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Baumann, M., 2019: „Systemsprenger“ in der Jugendhilfe. Orientierungshilfen und Perspektiven für die Praxis. Beltz Juventa.
  • Edmondson, A., 1999: Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, Band 44, Ausgabe 2, Seiten 350 bis 383. https://doi.org/10.2307/2666999
  • Grawe, K., 2004: Neuropsychotherapie. Hogrefe Verlag.
  • Petermann, F., Petermann, U., Nitkowski, D., 2016: Ressourcenförderung bei Kindern mit aggressiv-oppositionellem Verhalten. In F. Petermann, Herausgeber: Aggressiv-oppositionelles Verhalten im Kindes- und Jugendalter, Seiten 115 bis 142. Hogrefe.