Über Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) kursieren viele Vorurteile und Mythen. Der folgende Faktencheck ordnet 5 verbreitete Aussagen wissenschaftlich ein:
Aussage: „ADHS ist eine reine Kinderkrankheit und wächst sich mit dem Alter aus.“
Lange Zeit galt ADHS als Phänomen, das sich im Jugendalter verliert. Neuere Längsschnittstudien zeigen jedoch: Bei bis zu 60 Prozent der Betroffenen bleiben relevante Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen.
Während die motorische Hyperaktivität im Erwachsenenalter oft einer inneren Unruhe weicht, treten Probleme bei der Selbstorganisation und Emotionsregulation stärker in den Vordergrund.
Aussage: „Menschen mit ADHS können sich überhaupt nicht konzentrieren.“
ADHS ist kein generelles Fehlen von Aufmerksamkeit, sondern eine Störung der Aufmerksamkeitssteuerung.
Bei Themen von hohem persönlichem Interesse können Betroffene in einen sogenannten Hyperfokus geraten: Sie arbeiten stundenlang hochkonzentriert und blenden ihre Umwelt vollkommen aus. Die Schwierigkeit liegt darin, die Aufmerksamkeit flexibel auf alltägliche Aufgaben zu lenken.
Aussage: „Mädchen und Frauen werden bei ADHS häufig übersehen.“
Mädchen zeigen im Durchschnitt seltener die klassische körperliche Unruhe, sondern häufiger den unaufmerksamen Typus (früher oft als ADS bezeichnet).
Sie neigen zu starkem Camouflaging (sozialer Anpassung), träumen im Unterricht eher leise vor sich hin und fallen im Gruppenkontext weniger durch Störverhalten auf. Dies führt dazu, dass die Abklärung oft erst im Erwachsenenalter erfolgt.
Aussage: „Kaffee und Energy Drinks machen Menschen mit ADHS nicht immer wach, sondern manchmal ruhig.“
Dieses Phänomen wird als paradoxe Wirkung von Stimulanzien bezeichnet.
Koffein regt die Ausschüttung von Dopamin und Noradrenalin im präfrontalen Kortex an. Bei neurodivergenten Gehirnen kann dies dazu führen, dass die neuronale Reizfilterung verbessert wird: Das „Grundrauschen“ im Kopf sinkt, Gedanken ordnen sich, und viele Betroffene empfinden eine beruhigende Wirkung.
Aussage: „ADHS entsteht durch zu viel Fernsehen, Zucker und schlechte Erziehung.“
ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsbesonderheit mit hoher genetischer Heritabilität (erbliche Komponente ca. 70 bis 80 Prozent).
Medienkonsum und familiäre Rahmenbedingungen können zwar den Verlauf und die Ausprägung von Alltagsbelastungen beeinflussen, sind jedoch nicht die primäre Ursache der Störung.
Quellen und weiterführende Literatur
- Barkley, R. A. (2015): Attention-Deficit Hyperactivity Disorder: A Handbook for Diagnosis and Treatment. Guilford Press.
- Krause, J., & Krause, C. (2014): ADHS im Erwachsenenalter. Schattauer.
- Kooij, J. J. S., et al. (2019): Updated European Consensus Statement on adult ADHD. European Psychiatry.