Über Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) kursieren viele Vorurteile und Halbwissen. Wir beleuchten 5 zentrale Aussagen aus der wissenschaftlichen Praxis.
Aussage: „ADHS ist eine reine Kinderkrankheit und wächst sich mit dem Alter aus.“
Der aktuelle Forschungsstand: Die internationale Konsensforschung (Faraone et al., 2021) belegt eindeutig: Bei schätzungsweise 50 bis 80 % aller betroffenen Kinder bleiben relevante Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen. Während motorische Hyperaktivität im Alter häufiger in eine innere Unruhe übergeht, bleiben Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen, Organisation und Impulssteuerung bestehen.
Hinweis für Betroffene
Wenn Sie im Erwachsenenalter unter chronischer Prokrastination, innerer Getriebenheit oder emotionaler Reizbarkeit leiden, schieben Sie dies nicht auf persönliches Versagen. Eine strukturierte psychologische Abklärung in meiner Praxis kann dazu beitragen, verlässliche Antworten zu finden.
Aussage: „Menschen mit ADHS können sich bei hoher Begeisterung stundenlang tief fokussieren.“
Der aktuelle Forschungsstand: ADHS bedeutet keineswegs das völlige Fehlen von Aufmerksamkeit, sondern eine erschwerte Regulierbarkeit der Konzentration (Barkley, 2015). Bei Themen mit hoher intrinsischer Motivation oder ausgeprägter Reizstärke kann das Gehirn in den Zustand des sogenannten Hyperfokus gelangen, in dem Betroffene stundenlang hocheffizient arbeiten und Umweltreize ausblenden.
Hinweis für den Alltag
Nutzen Sie Ihre persönlichen Interessensgebiete gezielt als Motivationsanker. Schaffen Sie für Routineaufgaben künstliche Reize (z. B. Body Doubling oder zeitliche Strukturierung), um die Hürde zum Starten zu senken.
Aussage: „Frauen und Mädchen werden bei ADHS seltener oder erst im späten Erwachsenenalter diagnostiziert.“
Der aktuelle Forschungsstand: Internationale Konsenspapiere (Young et al., 2020; Slobodin & Davidovitch, 2019) zeigen, dass Frauen und Mädchen im Vergleich zu Jungen häufiger den vorwiegend inaufmerksamen Erscheinungsbild-Typus (ADHS-I) aufweisen und weniger störendes Außenverhalten zeigen. Durch ausgeprägtes soziales Anpassungsverhalten (sogenanntes Camouflaging) kompensieren sie Symptome jahrelang unter hohem Krafteinsatz. Dies führt dazu, dass ADHS bei Frauen oft erst im Erwachsenenalter oder im Rahmen sekundärer Belastungszustände abgeklärt wird.
Hinweis für Frauen
Achten Sie auf Warnzeichen wie chronische innere Erschöpfung, exzessiven Perfektionismus aus Angst vor Fehlern und dauerhafte Überforderung trotz nach außen unauffälliger Alltagsfunktion.
Aussage: „Kaffee oder koffeinhaltige Getränke wirken bei manchen ADHS-Betroffenen eher beruhigend als anregend.“
Der aktuelle Forschungsstand: Dies beruht auf der pharmakologisch bekannten paradoxen Wirkung von Stimulanzien. Da im präfrontalen Kortex bei ADHS eine veränderte Verfügbarkeit von Dopamin und Noradrenalin vorliegt, können milde Stimulanzien wie Koffein diesen Bereich stimulieren. Dies verbessert die kortikale Selbstregulation und führt bei Betroffenen zu empfundener innerer Ruhe oder Müdigkeit.
Hinweis für die Praxis
Eine individuelle Reaktion auf Koffein kann in der Anamnese ein interessanter Baustein sein, ersetzt jedoch keine standardisierte psychologische Diagnostik.
Aussage: „Wer im Beruf erfolgreich ist oder ein Studium abgeschlossen hat, kann unmöglich ADHS haben.“
Der aktuelle Forschungsstand: Dieses Phänomen wird wissenschaftlich als High-Functioning ADHS bezeichnet. Hohe kognitive Kapazitäten und kompensatorische Strategien ermöglichen vielen Betroffenen beachtliche berufliche Erfolge. Der Preis dafür ist jedoch häufig eine permanente Überanstrengung und ein erhöhtes Burnout-Risiko (DGPPN, 2023).
Hinweis für den Alltag
Beruflicher Erfolg schließt eine Neurodivergenz keineswegs aus. Wenn der Preis für den Erfolg permanente Überforderung ist, kann eine fachliche Abklärung Entlastung bieten.
Quellen und weiterführende Literatur
- Barkley, R. A. (2015). Attention-deficit hyperactivity disorder: A handbook for diagnosis and treatment (4th ed.). Guilford Press.
- Faraone, S. V., Banaschewski, T., Coghill, D., Zheng, Y., Biederman, J., Bellgrove, M. A., Newcorn, J. H., Gignac, M., Al Saud, N. M., Manor, I., Rohde, L. A., Yang, L., Cortese, S., Almagor, D., Stein, M. A., Albatti, T. H., Aljoudi, H. F., Arnold, L. E., Asherson, P., … Wang, Y. (2021). The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 Evidence-based conclusions about the disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 128, 789–818. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2021.01.022
- Slobodin, O., & Davidovitch, M. (2019). Gender differences in ADHD: For better or for worse? The Canadian Journal of Psychiatry, 64(4), 238–245. https://doi.org/10.1177/0706743718813735
- Young, S., Adamo, N., Ásgeirsdóttir, B. B., Branney, P., Beckett, M., Colley, W., Cubbin, S., Deeley, Q., Farrag, E., Gudjonsson, G., Hill, P., Hollingdale, J., Kilic, O., Lloyd, T., Mason, P., Pearce, T., Sarkar, R., & Woodhouse, E. (2020). Females with ADHD: An expert consensus statement taking a lifespan approach providing guidance for identification and treatment. BMC Psychiatry, 20(1), 404. https://doi.org/10.1186/s12888-020-02707-9
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