Viele Erwachsene im Autismus-Spektrum blicken auf ein Leben zurück, in dem sie sich kontinuierlich anders gefühlt haben – ohne genau benennen zu können, warum. Oft wurden in der Jugend Fehldiagnosen wie soziale Phobie, rezidivierende Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen gestellt. Erst im mittleren Erwachsenenalter reift der Verdacht: Könnte eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS) dahinterstehen?

1. Was bedeutet Camouflaging (soziales Maskieren)?

Unter Camouflaging versteht die Wissenschaft das unbewusste oder bewusste Erlernen von Strategien, um autistische Eigenschaften in sozialen Situationen zu verbergen. Dazu gehören:

  • Bewusst erlernter Blickkontakt: Augenkontakt wird nicht als natürlich empfunden, sondern regelrecht gedanklich taktiert („3 Sekunden schauen, kurz wegblicken, nicken“).
  • Skripting von Smalltalk: Gespräche, Begrüßungen und Witze werden wie Drehbuchzeilen vorab im Kopf eingeübt.
  • Unterdrückung von Stimming: Selbstregulierende Körperbewegungen (wie Wippen, Händedrehen) werden unterdrückt oder durch unauffälligere Gesten ersetzt.

Praxis-Hinweis

Camouflaging ist eine hohe kognitive Leistung, erfordert jedoch permanente Rechenkapazität des Gehirns. Was bei neurotypischen Menschen automatisch abläuft, ist für autistische Personen bewusste Arbeit.

2. Die Folgen: Das „Autistische Burnout“

Wer jahrzehntelang über seinen Möglichkeiten maskiert, zahlt oft einen hohen Preis. Wenn die kognitiven Kraftreserven erschöpft sind, tritt das sogenannte **Autistische Burnout** ein:

Es äußert sich in extremer chronischer Erschöpfung, vorübergehendem Verlust bereits erlernter Alltagsfähigkeiten, drastisch abgesenkter Reiztoleranz und absolutem Rückzugsbedürfnis. Nicht selten wird dieser Zustand mit einer klassischen Depression verwechselt, spricht auf herkömmliche therapeutische Standardverfahren jedoch kaum an.

3. Warum Frauen besonders häufig erst spät diagnostiziert werden

Die Forschung der letzten Jahre (Hull et al., 2020; Attwood, 2015) belegt eindeutig: Mädchen und Frauen im Autismus-Spektrum verfügen häufig über eine hohe soziale Anpassungsfähigkeit. Sie beobachten soziale Interaktionen akribisch und immitieren Verhaltensmuster aus ihrem Umfeld. Dadurch fallen autistische Züge in der Schule oder Ausbildung seltener auf – bis die Anforderungen im Berufs- oder Familienleben die Kompensationsgrenze übersteigen.

Ein Gedanke für den Alltag

Eine späte Abklärung dient nicht dazu, einen Stempel aufzudrücken – sondern dazu, die eigene Lebensgeschichte rückwirkend mit Mitgefühl zu verstehen und verlässliche Antworten zu finden.

4. Wie läuft eine strukturierte psychologische Abklärung ab?

Eine neurodivergenz-sensitive Abklärung im Erwachsenenalter erfolgt über standardisierte, wissenschaftlich normierte Testverfahren, ausführliche diagnostische Interviews sowie die strukturierte Rekonstruktion der Entwicklungsgeschichte.

Sollte sich aus den Erhebungen ein begründeter Verdacht ergeben, verfassen diagnostische Stellen auf Wunsch einen ausführlichen psychologischen Befundbericht mit allen erhobenen Messwerten zur Vorlage bei weiterbehandelnden Fachärzt:innen (Psychiatrie, Neurologie) oder Ämtern.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Attwood, T. (2015). Das Asperger-Syndrom: Das erfolgreiche Praxis-Handbuch. Trias.
  • Hull, L., et al. (2020). Gender differences in self-reported camouflaging in autistic and non-autistic adults. Autism, 24(2), 352–363.
  • Preißmann, C. (2021). Überraschend autistisch: Das Asperger-Syndrom im Erwachsenenalter. Klett-Cotta.